Bernau bei Berlin

Als 1432 die Hussiten die Mark Brandenburg verließen und die Bernauer aus Freude über die Nichtzerstörung ihrer Stadt feierten, ahnte wohl keiner, dass dies der Beginn einer Tradition wird. Was war geschehen?

Offizielle Webseite der Stadt: www.bernau-bei-berlin.de

Bernau ist ein Beleg für die großräumig angelegten militärischen Operationen der Hussiten in die Nachbarländer Böhmens – den „Herrlichen Feldzügen" – um sich mit Proviant zu versorgen, um mit Angst und Schrecken Druck auf das Konzil von Basel auszuüben, um eventuell Verbündete zu gewinnen und hussitische Ideen zu verbreiten. Die Quellen geben wenig Konkretes her: 1432 kreuzte eine hussitische Abteilung vor Bernau auf. Es kam zu keiner offenen Feldschlacht und angesichts des beachtlichen Befestigungssystems traten die Hussiten respektvoll den Rückzug an. Der historischen Lücken bemächtigten sich dann Sage und Überlieferung.

Über Jahrhunderte hinweg bewahrten und pflegten die Bernauer die „hussitische Tradition", bis zu den heutigen „Hussitenfestspielen".

Die allgemeine Unzufriedenheit und die Krise in der katholischen Kirche am Anfang des 15. Jhs, die nach der Hinrichtung von Jan Hus in Konstanz zu Unruhen und schließlich zum Aufstand in Böhmen führte, sollten sich auch auf Bernau auswirken. Alle Versuche der katholischen Kirche und des Königs Sigismund, das „ketzerische" Böhmen militärisch zu besiegen, scheiterten. Nach dem 3. Kreuzzug gegen Böhmen gingen die Hussiten zur Offensive über. Sie trugen den Krieg auf das Territorium der Angreifer. Mit ihrer „Reisen" ("herrliche Feldzüge") verfolgten sie noch weitere Ziele, wie zum Beispiel die Suche nach potentiellen Verbündeten gegen das Papsttum. Gleichzeitig wollten sie sich mit Beute versorgen. Nach der Niederlage 1431 bei Domažlice war der König zu Verhandlungen mit den Hussiten bereit.

Hussiten bei Bernau 1432

In Basel tagte ein neues Konzil. Auf dieses wollten die Hussiten Druck ausüben und gingen 1432 auf einen Feldzug gegen die Mark Brandenburg. So gelangten sie auch nach Bernau. Was genau vom 23. bis 27. April 1432 vor Bernau geschah, lässt sich auf der Grundlage der heute bekannten Quellen nicht sagen. Es steht aber fest, dass ein Teil des Heeres vor Bernau stand. Fest steht auch, dass die Hussiten nicht in die Stadt gelangten.

Allerdings kann bis heute nicht genau gesagt werden, wie groß die Streitmacht der Hussiten war, wie intensiv die Stadt angegriffen wurde und wie aktiv sich die Bernauer verteidigten. Wo solche Informationen fehlen, erschließen sich große Spielräume für Spekulationen und Legenden. Und diese Spielräume wurden in Bernau reichlich genutzt. Schon 1892 beklagte sich Dr. Görlitzer über den „Wust von Unsinn", der über die Hussitenschlacht bei Bernau geschrieben und erzählt wurde. Feiern die Bernauer vielleicht eine Schlacht, welche nicht stattgefunden hat? In gewisser Hinsicht schon, denn eine große offene und am Ende entscheidende Feldschlacht gab es nicht. Eine kleinere Abteilung (1 000 bis 1 500 Kämpfer) der Hussiten wird versucht haben, Bernau „en passant" zu nehmen. Dies ist ihr offensichtlich nicht gelungen. Für eine regelrecht große Belagerung waren aber weder genügend Zeit noch ausreichend Truppen vorhanden. Ohne schweres Gerät und mit zu geringer Truppenstärke war gegen das Bernauer Befestigungssystem nur mit viel Glück ein Erfolg möglich. Dieses Glück hatten die Hussiten offensichtlich aber nicht. Die Bernauer andererseits standen hinter festen Mauern. Die Anzahl der Verteidiger wird sich auch durch Geflüchtete aus der Umgebung verstärkt haben. Die Bernauer verteidigten ihre Häuser und ihre Familien. Ihre Kampfmoral war dementsprechend groß. In dieser Situation werden die Hussiten, welche auch unter Zeitdruck standen, recht schnell eingesehen haben, dass vor Bernau ein Sieg nicht möglich war. Sie zogen ab. Ob die Bernauer ihnen nachsetzten, ist fraglich. Zweifelsfrei waren die Bernauer nach dem Abzug der Hussiten froh. Und dies mit Recht, wie das Schicksal anderer Städte zeigt, welche in jener Zeit in die Hände von Feinden fielen. Plünderung und Brandschatzung, Mord und Totschlag waren damals „normale" Mittel der Kriegsführung. So ist es verständlich, dass man Gott dankte, wenn einem dieses erspart blieb, dass man auf sich stolz war, wenn man die Gefahr selbst abwehrte, und dass man feierte.

Man begann, das Ereignis zu feiern.

Die Form der Feier veränderte sich über die Jahre hinweg. Es gab Dankprozessionen, Volksfeste, Festspiele usw. Auch dem Bernauer Hussitenfest blieb die propagandistische Nutzung für tagespolitische Ziele nicht erspart. Lange Pausen in der Tradition des Hussitenfestes, bedingt durch Geldmangel, Kriege und veränderte politische Verhältnisse, ließen es fast in Vergessenheit geraten. Aber 1992 begannen die Bernauer, diese Tradition neu zu beleben. Tausende erleben seitdem bei den jährlich stattfindenden Hussitenfestspielen lebendige Geschichte und viel Spaß für die ganze Familie.

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